Verbindliche Nähe

Verbindliche Nähe und Liebe – meine Antwort auf die Frage nach Suizidbeihilfe

Todkranke und Sterbende brauchen keine fremde Hand zur Suizidbeihilfe. Dieser Überzeugung bin ich seit der Sterbebegleitung meiner Gattin Ruth. Todkranke Menschen  brauchen nichts mehr als eine liebende Hand, die sie auf dem Weg des Sterbens verlässlich  und einfühlsam begleitet. Eine Hand, der sie darin vertrauen können, auch in den schwierigsten Stunden nicht verlassen, sondern von ihr emotional, pflegend und schmerzlindernd unterstützt zu werden.

Wir als menschliche Gesellschaft sind so lange eine wirklich menschenfreundliche Gesellschaft, als wir bereit sind, Mitmenschen in ihren letzten Tagen und Stunden zur Seite zu stehen, die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen und uns der Herausforderung von Leiden und Sterben zu stellen.

Als Lebender wage ich den hohen Anspruch: Selbst als Sterbendem sind mir noch Aufgaben und Verantwortung übertragen. Sterben ist für niemanden von uns – auch für den Frömmsten nicht — ein Spaziergang. Es ist aber eine Illusion zu glauben, dass durch Suizidbeihilfe dieses Sterben allseits leichter fallen würde. Oder dass gar die Summe der Schmerzen – dazu gehören auch jene der Hinterbliebenen – verkleinert würde.

Abschließend kann ich nur wiederholen, was ich schon durch die eigenen Erfahrungen beschrieben habe: Weder Krankheit noch Sterben rauben einem Menschen die Würde. Im Gegenteil: Im Leiden und Abschiednehmen gewinnen beide, Sterbende und Begleitende, an Wert und Würde. Was für eine Liebe und Hochachtung in solchen Zeiten wachsen kann, habe ich sehr eindrücklich in den Wochen und Monaten an der Seite meiner todkranken Frau Ruth erlebt.

(aus Beitrag von Gerhard Fischer in Buch „Der organisierte Tod“, orell füssli Verlag 2012)

 

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